Die Märchenstunde westlicher Geschichtsschreiber in Bezug auf Stalin hat viele Kapitel. Nach dem Märchen des „Holodomor“ werden wir nun mit dem nächsten Mythos aufräumen.
Es werden im Laufe des Beitrages entscheidende Fragen auftauchen, die sich 99% der Historiker scheinbar nicht gestellt haben, sich geweigert haben diese zu stellen, oder sie durften diese Fragen nicht stellen.
Wir stellen nicht in Frage, dass diese Jahre des „Terrors“ und die anschließende Säuberung stattgefunden haben. Wir werden allerdings aufzeigen, wer die Verantwortlichen für die erste Phase waren und warum es notwendig wurde, dass die Phase 2, also die Säuberung, durchgeführt wurde.
unächst möchten wir mit zwei Zitaten beginnen, die Sie im Hinterkopf behalten sollten:
„So erinnere ich mich an Begegnungen, Gespräche mit Stalin, wie oft über bestimmte Themen – all das stieß auf taube Ohren! Wann habe ich angefangen, mich zu erinnern? Als sie anfingen, Stalin mit allerlei Schmutz zu überhäufen. Ich wundere mich nicht darüber, wie viele Menschen unter ihm gestorben sind, sondern darüber, wie er es geschafft hat, dem ein Ende zu setzen! Schließlich war die allgemeine Stimmung so, dass sie das halbe Land selbst mit ihren eigenen Händen hätten zerstören können. Und du denkst dir, der Teufel soll es holen, wie es in unserem Russland zugeht! Du denkst an vergangene Zeiten, an Peter den Großen, und du siehst: alles wiederholt sich. Die Geschichte wiederholt sich, vielleicht auf neue Weise, aber sie wiederholt sich doch. Mehr als einmal erinnerte ich mich daran, wie oft Stalin sagte, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, und das Bewusstsein hinter dem Sein zurückbleibt! Und mir kommt der Gedanke: Im Grunde genommen müssen wir doch kommunistisch denken. Aber es wird gedacht, wie im XVIII. Jahrhundert: wie man jemand anderen beiseite schiebt!“
Wjatscheslaw Molotow
„Lerne Selbstbeherrschung, lieber Genosse, sonst wirst du bei all deinen guten beruflichen Qualitäten nicht in der Lage sein, deinen Kopf zu bewahren: du wirst mein Schicksal wiederholen – du wirst entfernt werden, bevor du Zeit hast, die Mission zu erfüllen. Du siehst selbst, dass es unter den ‚Führern‘ der Partei keine bolschewistischen Kader gibt, die zur Führung fähig sind… aber die Mission des Bolschewismus muss fortgesetzt werden, sonst werden die Freimaurer und die von ihnen gefesselte, dummschwätzende Intelligenz das Volk völlig überrennen“.
Hinweis Wladimir Lenin an Stalin
Die Plenarsitzung vom 23.02.1937 – 05.03.1937 und der Beginn des „großen Terrors“
Stalin schlug dem Plenum ein sehr umfangreiches und detailliertes Programm für Reformen vor. Die Zielsetzung war es, alles beiseite zu legen, was in den Bürgerkriegen und nachfolgend bei den Ausbrüchen des Klassenkampfes geschah, einschließlich der Kollektivierung. Gelöst werden sollten die dringendsten ökonomischen Probleme und der Fokus sollte auf den Aufbau der Nation und der Einigung des Volkes gerichtet werden.
Die meisten Redner dieses Plenums waren Führer der regionalen und republikanischen Ebenen und diese äußerten sich praktisch überhaupt nicht zu dem von Stalin vorgeschlagenen Programm, sondern konzentrierten sich weiterhin darauf, den Klassenkampf zu proklamieren, und, dass dieser in ihren Regionen noch immer toben würde.
Am Vorabend des letzten Tages des Plenums richtete sich der erste Sekretär des westsibirischen Zentralkomitees, Robert Indrikowitsch Eiche, mit einem Brief direkt an die Politbüromitglieder. Er erklärte, dass in seiner Region eine große Verschwörung unter den Exil-Kulaken aufgedeckt wurde und forderte daraufhin dringend außerordentliche Maßnahmen. Eiche führte aus, dass auch die „Wirtschaftsführer“ ihrer Verantwortung nicht gerecht würden und kaum Informationen an das Zentralkomitee der Region weitergeben würden.
Betrachtet man allerdings „Stalins Verfassung“ von 1936, so wird klar, wer diese sogenannten „Wirtschaftsführer“ waren. Mit der Verfassung legte Stalin die gesamte Produktion und die Produktionsmittel in die Hände des Volkes.
Die sogenannten Stellvertreter der jeweiligen Produktionsstätten wurden weder von Stalin, noch von Mitgliedern des Politbüros ernannt, noch wurden dort Leute aus der „Elite“ aufgestellt. Die Arbeiter ernannten Menschen aus ihren eigenen Reihen zu ihren Stellvertretern. Dies stellte sicher, dass im Interesse der jeweiligen Kommune gewirtschaftet wurde, und somit für das eigene Land. Wenn ein Stellvertreter nicht im Interesse der Gemeinschaft und des Landes arbeitete, oder seiner Aufgabe nicht gerecht wurde, konnte er ausschließlich durch die Gemeinschaft mit sofortiger Wirkung entfernt werden.
❓️Wenn das nicht Demokratie ist, was ist dann Demokratie? Wen wählen Sie heute und wen können Sie „von unten“ heraus absetzen oder bestimmen?
❗️Diese Demokratie setzte sich durch die Einführung alternativer Wahlen im Jahr 1937 fort.
❓️Kann es also sein, dass Robert Indrikowitsch Eiche hier die Macht in den falschen Händen sah?
Hätten Stalin und das Politbüro diesen Brief ignoriert, hätte sich Robert Indrikowitsch Eiche damit direkt an das Plenum gewandt und das Kräfteverhältnis im Plenum war bereits klar. Deswegen stimmte das Politbüro der Schaffung von Notfallgremien in den Regionen zu, unter dem Vorbehalt, dass diese Gremien sich auf den Kern der Verschwörung konzentrieren müssen und sich das Politbüro das Recht vorbehält, die Anträge der Gremien zu reduzieren.
Das sind die berühmten Exekutionslisten. Und diese Listen kamen aus den Regionen von diesen Gremien und das einzige, was man im Politbüro noch tun konnte, war einige Namen von den Listen zu streichen.
Mit diesen Listen begann der große „Terror“. Und er begann vor allem deshalb, weil die meisten Parteiführer auf mittlerer Ebene Bürgerkriegsveteranen waren und nahezu allesamt waren Trotzkisten. Sie wussten wie man etwas zerstört, aber nicht, wie man etwas aufbaut.
Dies zeigte sich dann auch in der Praxis und diese Leute konzentrierten sich nicht auf den Kern der Verschwörung, sondern begannen den blutigen Terror gegen Einige anführer im Volk, die Armeeführung und die Armee.
Hier tauchen Fragen auf:
❓️Wenn Stalin doch der unangefochtene Alleinherrscher, Tyrann und Diktator war, weshalb musste er sich dem Druck der unteren Ebenen beugen?
❓️Warum wurde Stalins Anweisungen nicht folge geleistet?
❓️Welchen Sinn hätte es für Stalin gehabt, mitten in den Vorbereitungen auf einen großen Krieg (Hitler flog definitiv nicht unter dem Radar) seine Generalität und die Armee so immens zu schwächen?
❓️Hätte Stalin denn keine starke Armee benötigt, um seine angeblich angestrebte Expansion zu realisieren? Es ergibt ja nicht einmal im Verteidigungsfall einen Sinn, oder?
❓️Welchen Sinn hätte es für Stalin ergeben, mitten in den Kriegsvorbereitungen und mit dem Hintergrund des immer noch präsenten Bürgerkriegs, mit solchen Maßnahmen einen weiteren Bürgerkrieg und die Destabilisierung der Sowjetunion zu riskieren?
Es ergibt absolut keinen Sinn!
Der „große Terror“ war auch als „Jeschowschtschina“ bekannt, benannt nach dem damaligen NKWD-Führer Nikolai Jeschow. Unter ihm fand dieser „große Terror“ statt.
Stalin gelang es dann, Nikolai Jeschow durch Lawrenti Beria zu ersetzen und umgehend hörte der große Terror auf. Die Drahtzieher wurden zügig festgenommen, vor Gericht gestellt und ihrer Strafe zugeführt. Einer der ersten Verurteilten war Robert Indrikowitsch Eiche.
Es tauchen weitere Fragen auf:
❓️Wieso musste Stalin Jeschow ersetzen? Er hat doch die gestellten Aufgaben des angeblichen Alleinherrschers, Tyrannen und Diktator Stalin zu voller Zufriedenheit umgesetzt, oder nicht? Die Tötungsmaschinerie lief doch wie geschmiert?
❓️Wieso ließ Stalin Robert Indrikowitsch Eiche verurteilen? Auch er hat doch die Tötungsmaschinerie wie angeblich von Stalin gefordert am laufen gehalten.
❓️Warum beendete Stalin überhaupt diesen „großen Terror“, den er sich doch so sehr gewünscht hat?
Ganz einfach! Er konnte ihn nicht gebrauchen!
Noch heute wird gerne verschwiegen, wer für den „großen Terror“ in Moskau und in der Moskauer Region verantwortlich war. Es war kein geringerer, als Nikita Chruschtschow. Entgegen seiner Aussagen, er wäre dazu gezwungen worden, verfolgte er wie fast kein anderer diesen „großen Terror“ mit unglaublichem Ehrgeiz.
Als klar wurde, dass Stalin nun mit Beria gegen die Drahtzieher vorgehen wird, organisierte Nikita Sergejewitsch Chruschtschow unverzüglich die eigene Versetzung von Moskau nach Kiew, um sich der Verantwortung für den Terror in der Region Moskau zu entziehen.
Nachdem Stalin ermordet wurde, wurde Nikita Chruschtschow erster Sekretär der KPdSU und im selben Jahr wurde dann Lawrenti Beria ermordet. Derjenige, der ihn schwer hätte belasten können und ihn somit hätte politisch enthaupten können.
❓️Ziemlich viele zufällige Zufälle, nicht wahr?
❓️Woher stammen die Zahlen von 20 Mio – 60 Mio Toten unter Stalin?
❓️Wieso wurden diese Zahlen immer weiter nach unten korrigiert? Eventuell weil Sie erstunken und erlogen waren?
❓️Gibt es gesicherte Zahlen?
DIE GIBT ES! (Zwar gibt es Unstimmigkeiten bei dem veröffentlichten Dokument, weil es zwei Versionen gibt, allerdings stammen diese Zahlen aus Zeiten der Entstalinisierung in der man möglichst viel Schmutz auf Stalin schüttete)
In diesem Dokument heißt es, dass nach den Daten, die dem Innenministerium der UdSSR von 1921 bis 1953, dem OGPU-Kollegium, der Sondersitzung des NKWD, dem Ministerium für Staatssicherheit der UdSSR und dem Militärkollegium sowie den Gerichten, Militärgerichten und Troikas zur Verfügung standen, 3.777.380 Personen verurteilt wurden, darunter 642.980 Personen zur Todesstrafe. 2.369.220 Personen wurden zu Lager- und Gefängnisaufenthalten von bis zu 25 Jahren verurteilt, und 765.180 Personen wurden zu Verbannung und Deportation verurteilt.
In diesem Zusammenhang ist besonders hervorzuheben, dass die Sondersitzung des NKWD der UdSSR von November 1934 bis September 1953, die auf der Grundlage des Erlasses des Zentralen Exekutivkomitees und des Rates der Volkskommissare der UdSSR vom 5. November 1934 eingerichtet wurde, 442.531 Personen verurteilte. Davon wurden 10.101 Personen zur Todesstrafe, 360.921 Personen zu Gefängnisstrafen, 67.539 Personen zu Verbannung und Ausweisung innerhalb des Landes und 3970 Personen zu anderen Strafen, einschließlich Ausweisung ins Ausland und Zwangsbehandlung in psychiatrischen Kliniken, verurteilt.
Anfang Januar 1954 schickt der damalige Innenminister der UdSSR, Kruglow, das Schreiben Nr. 26/K an den Vorsitzenden des Ministerrats der UdSSR, Malenkow, und den Ersten Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU, Nikita Chruschtschow, das eine Bescheinigung des Innenministeriums der UdSSR enthält, in der die genaue Zahl der wegen konterrevolutionärer und anderer besonders gefährlicher Staatsverbrechen verurteilten Personen aufgeführt ist.
Nach dieser Bescheinigung belief sich die Zahl der Verurteilten im Zeitraum vom 1. Januar 1921 bis zum 1. Juli 1953 auf 4.060.306 Personen. Diese Zahl setzt sich zusammen aus den bereits erwähnten 3.777.380 Personen, die wegen konterrevolutionärer Verbrechen verurteilt wurden, und 282.926 Personen, die wegen anderer besonders schwerer Staatsverbrechen, u. a. gemäß Artikel 59 des Strafgesetzbuches (besonders gefährliches Banditentum) und Artikel 193 UK (Militärspionage), verurteilt wurden.
Die Gesamtzahlen für den Zeitraum von 1921 bis zur ersten Hälfte des Jahres 1953 lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Die Gesamtzahl der Angeklagten: 4,060,306.
Die Gesamtzahl der zur Todesstrafe Verurteilten: 799,455.
Die Gesamtzahl der Verurteilten zu Freiheitsstrafen: 2.634.397.
Die Gesamtzahl der zu Verbannung Verurteilten: 413.512.
Die Gesamtzahl der Verurteilungen durch andere Maßnahmen: 215,942.
Befehl von Nikolai Jeschow
„NKWD-Chef Nikolaj Jeschow am 30. Juli 1937 unterzeichneten und einen Tag später vom Politbüro bestätigten Befehl № 00447 „Über die Operation zur Repression ehemaliger Kulaken, Krimineller und anderer antisowjetischer Elemente“. Damit kann praktisch jeder Sowjetbürger zum sogenannten „Volksfeind“ erklärt werden. Für die einzelnen Republiken, Gebiete und Kreise der Sowjetunion legt der Befehl Kontingente fest – um den Plan zu erfüllen, kommt es massenhaft zu willkürlichen Verhaftungen und Verurteilungen.“
Das Politbüro bestätigte diesen Befehl mit einem eigenen Erlass.
Beschäftigt man sich nun mit den originalen Dokumenten, so stellt man fest, dass es hauptsächlich um Arbeitslager geht und dass die „Gefährder“ in Gruppen unterteilt werden.
Lediglich die Gruppe 1 kann exekutiert werden und ausschließlich die Trojka (drei vor Ort vom Volk ausgesuchten Kommissare) entscheiden darüber ob jemand exekutiert wird oder nicht.
Keine einzige von diesen Listen unterschrieb Stalin persönlich.
Das Politbüro hatte die Möglichkeit (so wie wir es vorher geschrieben haben) diese Listen zu kürzen. Sie mussten vom Politbüro nicht einmal bestätigt werden!
Die Erwartung dahinter war, dass man vor Ort die Menschen besser kennt und die Erschießung als das härteste Mittel nur selten nötig sein wird.
Der Druck auf die Trojkas vor Ort, seitens NKWD und speziell von Jeschow, wurde durch die Quoten eingeführt. Und so nahm es seinen Lauf.
In der Realität war es also so, dass Josef Wissarionowitsch Stalin überhaupt nicht von den unteren Ebenen und den Gremien vor Ort über das tatsächliche Ausmaß informiert wurde, was neues Archivmaterial belegt.
FAZIT: Die größten Opferzahlen stammen aus der Zeit des „großen Terrors“ (Angeführt und durchgesetzt von Nikolai Jeschow und Nikita Chruschtschow) und nicht aus den Jahren zuvor oder aus den Zeiten der stalinistischen Säuberungen ab 1938.
Das Politbüro, welches Stalin damals anführte, bestätigte lediglich den Befehl, worin die Möglichkeit existierte, dass die drei vor Ort vom Volk gewählten (aus eigenen Reihen) Kommissare die Todesstrafe bei besonderen schwere der Schuld verhängen könnten.
Das Ziel des Erlasses vom Politbüro war es, die Volksverräter zur Arbeit zu zwingen (so moralisch verwerflich wie es heute auch klingen mag, damals waren etwas andere Zeiten.)
Was daraus die Trotzkisten gemacht haben (ohne die oberste Führung vollständig einzuweihen) seht ihr an den Zahlen.
Eigentlich ist die Bezeichnung ‚Bürgerkrieg‘ unzutreffend, zumindest ungenau. Dazu der französische Schriftsteller Henri Barbusse in «Staline un monde nouveau vu à travers un homme» – «Stalin – eine neue Welt aus der Sicht eines Mannes»:
«Man sagt ‚Bürgerkrieg‘, aber der Begriff ist nicht genau. Die Russische Revolution wurde nicht nur von den Weißen attackiert, sondern auch von den großen Mächten. Die Rote Armee sah sich mit der Soldateska und den zaristischen, englischen, französischen, aber auch mit den japanischen, amerikanischen, rumänischen, griechischen und anderen Stäben konfrontiert.»
Wer machte den Anfang mit der ausländischen Intervention von insgesamt 14 Staaten?
Das kaiserliche Deutschland. Es war der erste Staat, der mit der Einmischung in die inneren Angelegenheiten Russlands begann, mit dem nicht erklärten Krieg gegen die Revolution. Es erinnert an die Pariser Kommune von 1871, denn auch damals war es das kaiserliche Deutschland, das der Konterrevolution sofort zu Hilfe eilte, um der nach Versailles geflüchteten monarchistischen französischen Regierung trotz des Krieges mit Frankreich zu helfen, um die Revolution in Paris zu Fall zu bringen, denn nichts hasste das kaiserliche Deutschland so sehr wie eine vom Volk getragene Revolution, nichts hasste es so mehr wie das aufmüpfige Volk.
Wie ging man deutscherseits vor?
Zunächst interveniert man in Finnland, das von der neuen sowjetischen Regierung am 18. Dezember 1917 in die Unabhängigkeit entlassen worden war. Deutsche Truppen landen dort unter dem Kommando des kaiserlichen Generals von der Goltz. Eine bürgerlich-konterrevolutionäre Regierung wird in Finnland an die Macht geschoben. Danach rüstet man die finnische Armee auf und treibt sie in den Kampf gegen die Sowjetmacht. Daraufhin besetzt das kaiserliche Deutschland Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland und die Ukraine. Mehr noch: Kaiser Wilhelm II ordnet auch die Besetzung des Don-Gebietes und die der Krim an, und in allen von Deutschland besetzten Gebieten werden unverzüglich die konterrevolutionären, weißgardistischen Kräfte bewaffnet. Zaristische Generäle wie Krasnow oder Denikin dienen sich den Deutschen an. Das Ziel natürlich: die Revolution abzuwürgen und das alte zaristische Regime wieder in seiner alten Pracht und Herrlichkeit herzustellen, um Russland erneut in eine Halbkolonie zu verwandeln.
Wie später im Zweiten Weltkrieg folgen der deutschen Armee in Russland sofort Großkapitalisten, Konzernvertreter und Landaristokraten auf den Fuß, um Russland zu plündern. Eisenbahnen, Gruben und Häfen werden den deutschen Geldsäcken unterstellt, Lebensmittel beschlagnahmt und nach dem Westen abtransportiert.
Es entstehen die ersten deutschen Kolonien in Russland.
Im Schlepptau der Deutschen kommen die ehemaligen Entente-‚Verbündeten‘ Russlands: die Engländer und Franzosen. Schon am 10. Dezember – die Russische Oktoberrevolution ist gerade erst einmal einen Monat alt – schließen die Regierungen Englands und Frankreichs ein Geheimabkommen zur Abgrenzung ihrer Interessenssphären ab: England wird der Kaukasus, der Kuban und der Don zugesprochen; Frankreich die Ukraine, die Krim und Bessarabien.
Die Regierungen dieser beiden Länder brechen zwar nicht die diplomatischen Beziehungen zur Sowjetmacht ganz ab, verlegen aber ihre Botschaften nach Wologda – vierhundert Kilometer nordöstlich von Moskau gelegen, und nicht nach Moskau, wo inzwischen die neue Sowjetregierung ihren Sitz hat.
Von Wologda aus leiten sie (GB/FRA) relativ ungestört ihre Intervention. Um sich in der Anfangsphase nicht selbst die Finger schmutzig zu machen, überlässt man Deutschland erst mal die Drecksarbeit, in der Hoffnung, dass die Sowjetmacht bald fällt. Gleichzeitig benutzt, oder sollte man sagen ‚missbraucht‘ man, Zehntausende tschechoslowakische Kriegsgefangene, die an der Seite des kaiserlichen Deutschlands gekämpft hatten, als Werkzeuge, um im Osten eine neue Front aufzubauen, bewaffnet sie, bildet sie aus und schickt sie in den Krieg zum Sturz der Sowjetmacht.
Wie reagierte die Sowjetmacht auf diese Bedrohungen, die sich im Laufe der Zeit noch ausweiten sollten, als weitere Staaten unter Führung des britischen Kolonialministers Winston Churchill sich an der Intervention beteiligten?
Jetzt erst recht wird die Revolution zu einem einzigen Heerlager. Man geht in Moskau zum ‚Kriegskommunismus‘ über, man führt für die Bauern die Getreide-Ablieferungspflicht ein, um die Armee zu versorgen. Alles wird dem einen Ziel untergeordnet: den Abwehrkampf zu organisieren. Neun Zehntel der Aktivitäten der neuen sowjetischen Volksregierung werden vom sog. Bürgerkrieg in Anspruch genommen. Es heißt ‚Alles für die Front! Alles für das sozialistische Vaterland! Alles für die Verteidigung der sozialistischen Errungenschaften!‘
Dieser Abwehrkampf bringt die Rote Armee hervor. Am 22. April 1918 führt das Zentralexekutivkomitee des Sowjetkongresses die allgemeine militärische Pflichtausbildung für alle Werktätigen ein; am 29. Mai ergeht das Dekret über die Einführung der Wehrpflicht. Es entsteht in Windeseile eine millionenfache Armee, geführt von roten Kommissaren, aber auch von ehemaligen zaristischen Offizieren, die von dem neuen Verteidigungsminister Trotzki bevorzugt angeheuert werden.
Durch die massive Intervention ermutigt, erhebt auch die innere Konterrevolution wieder ihr Haupt: ‚Linke‘ Sozialrevolutionäre erschießen am 6. Juli in Moskau den deutschen Botschafter Mirbach, mit dem Ziel, die deutschen Truppen auf Moskau zu hetzen. Prompt verlangt die kaiserliche Regierung, Truppen zum ‚Schutz ihrer Botschaft‘ entsenden zu dürfen, was abgelehnt wird. Gleichzeitig kommt es in Moskau zu einer Meuterei, um die Sowjetregierung zu verhaften. Auch in anderen Städten gibt es solche Provokationen, darunter in Jaroslawl. Die Unruhen werden von den ehemaligen Alliierten Russlands, England und Frankreich, in den Gebieten, die nicht von den Deutschen kontrolliert werden, organisiert.
Lenin im Sommer 1918:
«Jetzt im Sommer 1918 stehen wir vor einem der schwersten, der schlimmsten, der kritischten Übergänge unserer Revolution.»
Lenin ruft zu einem großen Kreuzzug gegen die Getreidespekulanten, gegen die Großbauern, gegen die Ausbeuter und Desorganisatoren auf. Der Kampf um das Brot sei der Kampf um den Sozialismus. Stalin wird mit der Leitung dieses Feldzuges um das Brot betraut. Am 29. Mai wird er zum Leiter des gesamten Ernährungswesens im Süden Russlands ernannt. Er erhält von der Sowjetregierung außerordentliche Vollmachten:
«Der Volkskommissar Joseph Wissarionowitsch Stalin, Mitglied des Rates der Volkskommissare, wird vom Rat der Volkskommissare zum Generaldirektor für Lebensmittelfragen im Süden Russlands ernannt.»
Stalin hatte bereits kurz nach der Oktoberrevolution bewiesen, dass er in der Lage war, Lebensmittel heranzuschaffen, wenn dies notwendig wurde:
«Als die Bolschewiki im Oktober 1917 die Macht übernommen hatten, gab es in Leningrad nur noch Lebensmittel für zwei Tage, und erst als man intensiv jeden Laden, jedes Warenlager durchstöbert hatte, gelang es Stalin, die Brotversorung für zehn Tage sicherzustellen [was der Regierung Zeit zum Handeln verschaffte].»
Wegen der deutschen Besetzung im Süden Russlands und der Herrschaft der Weißgardisten dort kann die Sowjetrepublik nur noch über die Wolga mit Lebensmitteln aus dem Nordkaukasus versorgt werden. Eine andere Lebenslinie besteht nicht mehr. Auch das Erdöl aus Baku gelangt nur noch über die Wolga und dann anschließend über die Eisenbahnverbindung ins Innere Sowjetrusslands. Wäre Zarizyn (das spätere Stalingrad an der Wolga) der Konterrevolution in die Hände gefallen, hätte man die junge Sowjetrepublik mühelos aushungern und reifschießen können. Dies musste mit allen Mitteln verhindert werden.
Im Sommer 1918 beginnt der Kampf um diejenige Stadt, die nicht erst im Zweiten Weltkrieg zu einem Symbol des revolutionären Widerstands wurde, sondern schon lange vorher.
Stalin in Zarizyn
Stalin wurde damals von Kliment Woroschilow, dem späteren Verteidigungsminister der UdSSR an die Südfront begleitet. Er kam täglich mit ihm zusammen und hielt später seine Eindrücke in einer kleinen Broschüre über den ‚Bürgerkrieg‘ fest. Darin heißt es u. a.:
«In der Periode von 1918 bis 1920 war wohl Genosse Stalin der einzige Mensch, den das Zentralkomitee von einer Kriegsfront zur anderen warf, wobei es die gefährlichsten, für die Revolution bedrohlichsten Stellen auswählte. Dort, wo es verhältnismäßig ruhig zuging und die Lage günstig war, wo wir Erfolge hatten – dort war Stalin nicht zu sehen. Dort aber, wo infolge einer ganzen Reihe von Ursachen die Roten Armeen schwankten, wo die konterrevolutionären Kräfte, ihre Erfolge entwickelnd, den Bestand der Sowjetunion selbst bedrohten, wo Verwirrung und Panik in einem beliebigen Moment sich in Ohnmacht verwandeln, zur Katastrophe führen konnte – da tauchte Genosse Stalin auf.»
Am 23. Mai macht sich Stalin mit einer Abteilung von Rotarmisten und zwei Panzerautos auf den Weg zur Südfront. Dort findet er ein unglaubliches Chaos vor, vor allem aber in den Militärkommandos.
Konterrevolutionäre kosakische Banden hatten sich in der Nähe von Zarizyn einer ganzen Reihe von strategischen Punkten bemächtigt, machten damit die Getreidebeschaffung für das hungernde Moskau und Petrograd unmöglich und schufen auch für die Wolgastadt selbst eine äußerst bedrohlich Lage. Noch am gleichen Tag teilt Stalin Lenin telefonisch Folgendes mit:
«Es gibt große Vorrate an Getreide im Norden des Kaukasus. Das Problem ist nur, dass sie nicht in Richtung Norden verladen werden können, weil die Eisenbahnverbindung unterbrochen ist. Solange die Verbindung nicht wieder hergestellt ist, ist der Getreidetransport unmöglich…. Wir hoffen, die Linie in zehn Tagen wiederhergestellt zu haben….»
Es dauert nicht lange und Stalin kann an Lenin Folgendes telegrafieren:
«Sie werden 160 Waggons mit Getreide und 46 mit Fisch über diese Route bekommen. Der Rest kommt über Saratow.»
Am 7. Juli erhält Lenin in Moskau die nächste Nachricht:
«Ich treibe an und schimpfe mit allen, wo es nötig ist; hoffe, dass wir bald alles wieder hergestellt haben. Sie können überzeugt sein, dass wir niemanden schonen werden, weder uns selbst noch andere, Brot aber werden wir herbeischaffen.»
Schnell erkennt Stalin das wichtigste Kettenglied, an dem alles hängt: die von Trotzki ernannten, unzuverlässigen, ja teilweise direkt Sabotage betreibenden Militärspezialisten – oft ehemalige Offiziere der zaristischen Armee, die überall dank Trotzkis Personalpolitik die leitenden Positionen innehaben.
Stalin:
«Wenn unsere Militärspezialisten‘ (Schuster) nicht geschlafen und müßig herumgesessen hätten, wäre die Front nicht durchbrochen worden, und wenn sie wiederhergestellt wird, so nicht dank der Militärs, sondern trotz ihnen.»
Stalin sieht sich jetzt den Militärapparat aus nächster Nähe genauer an und stellt fest, dass es dort Kommandeure gibt, die sich unverblümt und ungestraft weigern, gegen die kosakische Konterrevolution vorzugehen.
Drei Tage später, am 10. Juli, schreibt er an Lenin dies:
«An Genossen Lenin, einige Worte. Erstens: Wenn Trotzki, ohne zu überlegen, nach allen Seiten hin Ermächtigungen an Trifonow (Don-Gebiet), an Awtononomow (Kuban-Gebiet), Koppe (Stavropol), an die Mitglieder der französischen Mission, die verhaftet zu werden verdient, austeilt, dann kann man mit Sicherheit sagen, dass bei uns in einem Monat im Nordkaukasus alles zusammenbricht und dass wir dieses Gebiet endgültig verlieren werden…. Hämmern Sie ihm ein, dass ohne die örtlichen Funktionäre keine Ernennungen vorgenommen werden dürfen und dass es sonst zu einem Skandal für die Sowjetmacht kommt.»
Trotzki, damals noch Vorsitzender des Revolutionären Kriegsrats, erteilte also Ermächtigungen an die französische Mission, die auf Seiten der weißgardistischen Generäle interveniert hatte! Kein Wunder also, dass die Front in der Nähe von Zarizyn desorganisiert war, war doch dieses Chaos in den Reihen der Roten Armee genau das, was die Interventen, darunter die Franzosen, brauchten.
Stalin wird noch deutlicher, da schnelles Handeln angesagt ist:
«Um die Sache fördern zu können, brauche ich militärische Vollmachten. Ich habe schon früher geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Nun gut. Dann werde ich eben selbst, ohne Förmlichkeiten diejenigen Armeebefehlshaber und Kommissare absetzen, die die Sache zugrunde richten. Das gebietet mir die Sache und das Fehlen eines Papierchen von Trotzki wird mich natürlich nicht abhalten. J. Stalin.»
Drei Wochen später ein weiterer Brief Stalins:
«Die Lage im Süden ist keine leichte. Der Kriegsrat hat eine völlig zerrüttete Situation hinterlassen…. Alles musste von vorn begonnen werden. Wir haben die Versorgung in Gang gebracht, eine operative Abteilung aufgebaut, mit allen Frontabschnitten Verbindung hergestellt, die alten, ich möchte sagen, verbrecherischen Befehle aufgehoben, und erst danach leiteten wir die Offensive auf Kalatsch und auf den Süden in Richtung Tichoreszkaja ein.»
Stalin lässt Trotzkis ‚Militärspezialisten‘, die sich als Anhänger der aufständigen konterrevolutionären Kosaken und der Franzosen entpuppt haben, absetzen, ohne sich um seine hysterischen Proteste zu kümmern. Dennoch sei die Ernährungslage nach wie vor fast hoffnungslos, weil die Verbindungslinien noch immer nicht wieder hergestellt sind.
Am 31. August kann er mitteilen, dass sich die Lage an der Front gebessert hat. ‚An der Front geht die Sache gut voran.‘ Die Kosaken werden aufgerieben. Aber an diesem Tag erhält er die Nachricht von dem Anschlag auf Lenin in Moskau. Eine jüdische ‚linke‘ Sozialrevolutionärin namens Fanja Kaplan hatte versucht, Lenin mit einem Revolver und zwei vergifteten Kugeln zu erschießen, als er gerade dabei war, vor Arbeitern des früheren Betriebes von Michelson in Samoskworetschje zu sprechen. In Petrograd werden ebenfalls führende Bolschewiki Opfer von Anschlägen: Uritzki und Wolodarski verlieren dabei das Leben. Uritzki war am 10. Oktober, vierzehn Tage vor Ausbruch der Oktoberrevolution, in den revolutionären Rat des Zentralkomitees der SDAPR gewählt worden, um mit Stalin und anderen zusammen den Aufstand zu organisieren. Er war also einer der Organisatoren des Oktober-Aufstandes. Wie sich später herausstellt, waren diese Mordanschläge Teil einer gut vorbereiteten Verschwörung gegen die Sowjetmacht. Lenin musste mit schweren Kopfverletzungen im Krankenhaus behandelt werden und sollte sich nie wieder von den Folgen des feigen Anschlages erholen.
Eine Woche später kann Stalin in einem Telegramm mitteilen, dass die ‚Offensive der Sowjettruppen im Gebiet Zarizyn von Erfolg gekrönt ist‘ und dass ‚die Lage dort jetzt stabil‘ sei. Die Offensive gehe weiter. Der meineidige weißgardistische General Krasnow, der versprach, nie wieder gegen die Sowjetmacht zu kämpfen, erleidet vor Zarizyn eine Niederlage.
Wenig später kehrt Stalin nach Moskau zurück und überlässt Kliment Woroschilow das Zepter in Zarizyn, der sich vorher mit seiner ukrainischen Sowjetarmee den Weg durch die deutschen Linien und das konterrevolutionäre Kosaken-Gebiet gebahnt hatte.
Stalin war also in der Lage, innerhalb von nur drei Monaten die fast hoffnungslose Lage an der Südfront umzukehren.
Woroschilow zur neuen Lage in der Wolgastadt:
«Das Antlitz Zarizyns wurde in kurzer Frist ein ganz anderes. Die Stadt, wo noch vor kurzem in den Gärten die Musik rauschte, wo die geflüchtete Bourgeoisie in Mengen zusammen mit den Offizieren in den Straßen flanierte, verwandelt sich in ein großes Kriegslager, wo die strengste Ordnung und die militärische Disziplin alles beherrscht. Diese Festigung der Etappe wirkte sich sofort günstig auf die Stimmung unserer an der Front kämpfenden Regimenter aus.»
Worin bestand das Geheimnis dieses Erfolges?
Stalin:
«Die Erfolge unserer Armee sind vor allem aus ihrer Bewusstheit und Disziplin heraus zu erklären. Die Soldaten Krasnows zeichnen sich durch erstaunliche Stumpfsinnigkeit und Unwissenheit, durch das Fehlen jeglichen Kontakts mit der Umwelt aus. Sie wissen nicht, wofür sie kämpfen.»
Ein weiteres wichtiges Moment kommt hinzu:
«Eine nicht geringe Bedeutung hat die Bildung eines ganzen Stammes roter Offiziere, ehemaliger Soldaten, die in einer Reihe von Schlachten ihre Feuertaufe erhalten haben. Diese roten Offiziere bilden das Hauptbindemittel unserer Armee, das sie zu einem homogenen, disziplinierten Organismus zusammenschweißt.»
Aber noch etwas anderes und ganz Entscheidendes musste für den militärischen Erfolg hinzukommen:
«Aber die Kraft unserer Armee erschöpft sich nicht in ihren eigenen Qualitäten. Eine Armee kann nicht lange ohne festes Hinterland existieren. Für eine stabile Front ist es notwendig, dass die Armee regelmäßig Ersatz, Munition und Proviant aus dem Hinterland erhält.»
Dieses Hinterland besaß damals die Rote Armee in den zahlreichen Gebieten, wo die Revolution gesiegt hatte, wo die Bauern auf die Seite der Revolution übergegangen waren, weil sie durch die Oktoberrevolution von der Macht und den drückenden Fronlasten der Gutsbesitzer befreit waren und endlich, nach so vielen Jahren des Kampfes und der vergeblichen Aufstände, Land und Freiheit erhalten hatten.
Man könnte noch der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass damals auch Arbeiterregimenter der Stadt Zarizyn der Roten Armee zu Hilfe geeilt waren, die absolut zuverlässig waren und die nicht von unzuverlässigen, so genannten Militärspezialisten, sondern von jungen, militärisch geschulten Revolutionären geführt wurden.
Am 4. Oktober beschwert sich nun Trotzki bei Lenin über Stalins Tätigkeit an der Südfront. In dem Telegramm heißt es:
«Ich muss auf Stalins Abberufung bestehen. Die Dinge an der Front bei Zarizyn gehen schlecht trotz einer Überfülle an Truppen.»
Die Zurückeroberung von Perm
Am 24. Dezember 1918 nehmen die Truppen von Admiral Koltschak Perm ein eine strategisch wichtige Stadt westlich des Ural. Koltschak war ein weißgardistischer General, der von den Engländern und Franzosen unterstützt wurde. Die Dritte Armee der revolutionären Streitkräfte, die gegen Koltschak eingesetzt wurde und die Trotzki direkt unterstellt war, befand sich schon bald in einem völlig desolaten Zustand.
Woroschilow:
«Vom Gegner im Halbkreis umfasst, war diese Armee Ende November endgültig demoralisiert. Im Ergebnis sechsmonatiger, ununterbrochener Kämpfe, beim Fehlen irgendwelcher verlässlicher Reserven, bei ungesicherten Etappen, bei der unerträglichen Verpflegungslage – die 29. Division hatte sich fünf Tage lang geschlagen, ohne buchstäblich ein Stück Brot zu haben, bei 35 Grad Frost, völliger Wegelosigkeit, der ungeheuren Ausdehnung der Front – über mehr als 400 km-, bei der Schwäche des Stabes der Dritten Armee, erwies sie sich als außerstande, dem Druck der überlegenen Kräfte standzuhalten.»
Woroschilow fügt noch hinzu, dass der Kommandobestand der Armee aus ehemaligen zaristischen Offizieren ein weiteres großes Problem war. Es sei zu einem ‚massenhaften Verrat‘ gekommen, ganze Regimenter hätten sich freiwillig in Gefangenschaft begeben. In dieser heiklen Situation beschließt das Zentralkomitee in Moskau, eine Untersuchungskommission einzuberufen, um die Ursache der Preisgabe von Perm zu ermitteln. Stalin und Dscherschinski werden damit beauftragt. Sie schreiben einen Bericht.
In diesem Bericht heißt es zu den Ursachen der Niederlage:
«Ermüdung und Erschöpfung der Armee im Moment der Offensive des Gegners, das Fehlen von Reserven bei uns in diesem Moment, die Losgelöstheit des Stabes von der Armee, Misswirtschaft im Armeekommando, unzuverlässige, verbrecherische Methoden der Leitung der Front seitens des Revolutionären Kriegsrats der Republik, der die Front durch seine widersprüchlichen Direktiven lähmt….»
Auch der Verantwortliche für diese Misswirtschaft wird klar benannt: Trotzki, der damals den Revolutionären Kriegsrat leitete.
Stalin, erneut mit außerordentlichen Vollmachten vom ZK ausgestattet, trifft umgehend Maßnahmen zur Hebung der Kampfkraft der Roten Armee.
Woroschilow:
«Bis 15. Januar… 1.200 zuverlässige Bajonette und Säbel an die Front entsandt; einen Tag später zwei Eskadronen Kavallerie; am 20. das 62. Regiment der III. Brigade abgesandt, vorher sorgfältig gesiebt. Diese Truppenteile gaben die Möglichkeit, die Offensive des Gegners zum Stehen zu bringen, bewirkten einen Umschwung in der Stimmung der Dritten Armee und eröffneten unsere Offensive gegen Perm, die bisher erfolgreich verläuft. Im Rücken der Armee erfolgt eine ernste Säuberung der Sowjet- und Partisaneninstitutionen. In Wjatka wurden Revolutionskomitees organisiert…. Die Militärkontrolle ist gesäubert und umgestaltet.»
Das Resultat:
Im Januar 1919 geht die Dritte Armee wieder zur Offensive über.
Stalin schafft die Wende in Petrograd
Im Frühjahr 1919 war die Rote Armee ungefähr 1,4 Millionen Mann stark.
Es gab fünf, teilweise sogar sechs Fronten, an denen sie gegen die 14 Interventen und ihre weißgardistischen, konterrevolutionären Generäle zu bestehen hatte, die von den Stäben der Großmächte und ihren Militärberatern angeleitet wurden. Englische und französische Instrukteure wurden zu Tausenden gegen die Rote Armee eingesetzt. In den ersten Monaten des Jahres 1919 standen mehr als 300.000 Söldner der Entente, also der Westalliierten, auf russischem Boden, ohne dazu eingeladen worden zu sein.
Ihre Aktionen wurden von dem britischen Kolonialminister Winston Churchill, dem späteren britischen Premierminister, koordiniert und forciert. Hinzukam, dass man auf das Korp der Tschechoslowaken, bestehend aus ehemaligen Kriegsgefangenen der zaristischen Armee, die nach der Oktoberrevolution von den Engländern gegen die junge Sowjetmacht eingesetzt wurden – eine 60.000 Mann starke Interventionstruppe im Osten Russlands – zurückgreifen konnte, um so große Teile der Roten Armee im Osten zu binden, die eigentlich für den Schutz von Petrograd und Moskau benötigt wurden. Rechnet man die weißgardistischen Truppen noch hinzu, so wurden im Frühjahr 1919 fast zwei Millionen Mann gegen die Rote Armee aufgeboten, die längst nicht so gut ausgerüstet war wie die weißgardistischen Einheiten, aber dafür eine viel bessere Moral besaß.
Zu dieser Zeit geht die weißgardistische Armee des Generals Judenitsch von Estland aus gegen das revolutionäre Petrograd vor, in Ausführung der von Admiral Koltschak gestellten Aufgabe, Petrograd einzunehmen. Die englische Flotte und die weißen Finnen und Esten unterstützen ihn dabei. Die Lage wird dadurch noch komplizierter, dass einige Regimenter der Roten Armee zum Gegner überlaufen. Die Garnison des Forts ‚Krasnaja Gorka‘ erhebt sich gegen die Sowjetmacht.
Erneut wird Stalin vom Zentralkomitee der SDAPR dazu auserkoren, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen.
Dazu Woroschilow:
«Im Laufe von nur drei Wochen gelingt es Genosse Stalin, den Umschwung herbeizuführen. Die Panik und Verwirrung der Truppenteile wird schnell beseitigt, die Stäbe straffen sich, eine Mobilisierung der Petrograder Arbeiter und Kommunisten erfolgt auf die andere, die Feinde und Verräter werden erbarmungslos vernichtet. Genosse Stalin greift in die operative Arbeit des Militärkommandos ein.»
Stalin an Lenin:
«Unmittelbar nach ‚Krasnaja Gorka‘ ‚Seraja Loschad liquidiert, Geschütze auf ihnen in voller Ordnung, betreiben schnelle (unleserlich)… aller Forts und Festungen; Flottenspezialisten behaupten, dass Einnahme von ‚Krasnaja Gorka‘ von der Seeseite alle Marinewissenschaft umwirft.
Kann so genannte Wissenschaft nur bedauern. Schnelle Einnahme Gorkas erklärt sich durch allergrößte Einmischung meinerseits und überhaupt der Zivilisten in die operativen Angelegenheiten, die bis zur Beseitigung der Befehle zu Wasser und zu Land sowie die Durchsetzung meiner eigenen ging.
Halte es für meine Pflicht zu erklären, dass ich auch weiterhin so handeln werde trotz aller Hochachtung vor der Wissenschaft. Stalin.»
Sechs Tage später. Stalin erneut an Lenin:
«Der Umschwung an unseren Abschnitten hat begonnen. Seit einer Woche gab es bei uns nicht einen einzigen Fall des Überlaufens einzelner oder von Gruppen. Die Deserteure kehren zu Tausenden zurück. Die Überläufer aus dem Lager des Gegners zu uns häufen sich…. Gestern am Tag begann unsere Offensive,.. bis jetzt verläuft die Offensive erfolgreich, die Weißen fliehen, .. sendet schnell zwei Millionen Patronen zu meiner Verfügung für die 6. Division.»
General Judenitsch muss sich nach Estland zurückziehen. Dies ermöglicht es, auch Koltschak im Osten den Garaus zu machen. Mit den Resten seiner Armee flieht er nach Irkutsk. Dort wird er erschossen.
Petrograd wurde gerettet, ohne dass Truppen von der Ostfront abgezogen werden mussten, obwohl Trotzki dies verlangt hatte. Er hatte auch verlangt, dass man Koltschak schonen und nicht verjagen sollte. Trotzkis späterer Verbündeter Sinowjew, der im Sommer 1936 zusammen mit Kamenjew wegen Hoch- und Landesverrats hingerichtet wurde, war als Kommandeur in Petrograd dafür eingetreten, die Stadt aufzugeben.
Trotzkis Bewertung der Arbeit Stalins fiel später so aus:
«Sein Einfluss an den Frontabschnitten, wo er sich aufhielt, blieb unbedeutend, er blieb unpersönlich, bürokratisch, polizistenhaft.»
Im März 1919 findet in Moskau der Achte Parteitag der SDAPR statt. Er tagt vom 18. bis zum 23. März. Ausführlich diskutiert wird die Lage an den verschiedenen Fronten, man diskutiert aber auch über die bestehenden Kommandostrukturen und die Organisation innerhalb der Roten Armee. Trotzki stellt sich der Kritik jedoch nicht. Er ist auf dem Parteitag gar nicht anwesend.
Dazu der britische Stalin-Biograf lan Grey:
«Trotzki, der nicht teilnahm, wurde von vielen Delegierten stark wegen seiner ‚diktatorischen Manieren‘ kritisiert, wegen seiner herablassenden Haltung gegenüber den Frontarbeitern und wegen seiner fehlenden Bereitschaft, ihnen zuzuhören, wegen seiner Bewunderung für die Spezialisten und wegen seiner missratenen Telegramme, die er über den Kopf der Kommandeure und Stäbe hinweg versandte, weil er immer wieder seine Anweisungen änderte und endloss Verwirrung stiftete.»
Stalin wird auf diesem Parteitag erneut ins ZK gewählt, aber auch in das jetzt aus fünf Personen bestehende Politbüro sowie in das angeschlossene Organisationsbüro. Hinzukommt noch, dass er ein weiteres Volkskommissariat bekommt: das Volkskommissariat für Staatliche Kontrolle, auch ‚Arbeiter- und Bauerninspektion‘ genannt, um die ausufernde Bürokratie in der Partei zu beseitigen. Er ist damit der einzige Volkskommissar mit zwei Portfolios. Die Ernennungen zeigen das hohe Vertrauen, das die meisten Delegierten in Stalin haben, und sind auch eine Anerkennung für seine bisher geleistete Arbeit für die Partei und die Revolution.
Später bildet das ZK auch den Revolutionären Kriegsrat um, dem Trotzki immer noch vorsteht. Die Zahl seiner Mitglieder wird auf sechs verringert, und die neuen Mitglieder sind keine Anhänger Trotzkis mehr. Alle haben jetzt die gleichen Rechte und Pflichten. Trotzki verliert dadurch einen großen Teil seines Einflusses auf die Militärführung.
Der Feldzug gegen Denikin
Jetzt setzen Churchills Interventen ihre letzte Hoffnung auf General Denikin im Süden, der den Kuban besetzt hält. Die Kuban-Region liegt nördlich des Kaukusus. Dort trommelt er eine ‚Freiwilligenarmee‘ aus zaristischen Offizieren, Kadetten und anderen Weißgardisten zusammen. Die Engländer und Franzosen decken ihn mit Waffen, Munition und Vorräten ein. Im Sommer 1919 startet er seine Offensive gegen die Rote Armee. Im Frühherbst erobert er Orel und marschiert auf Tula. Moskau ist unmittelbar bedroht.
Um Denikin zu schlagen, entsendet das Zentralkomitee erneut Stalin an die Front. Aber er ist nicht allein: Auch seine Vertrauten Kliment Woroschilow, Sergej Ordschonikidse, Semjon Budjonny and Sergej Kirow werden an die Südfront abkommandiert.
Stalin nimmt die Ernennung an, stellt aber gleich drei Bedingungen:
Trotzki darf sich nicht mehr in die Angelegenheiten der Südfront einmischen;
Von dieser Front sind sofort eine ganze Reihe von unzuverlässigen Kommandeuren abzuberufen;
An die Südfront sind unverzüglich neue Mitarbeiter, nach Auswahl Stalins, abzukommandieren.
Stalin setzt sich durch: Trotzki wird die Leitung der Operation gegen Denikin entzogen, sein Operationsplan abgelehnt.
Worin bestand dieser Plan?
Trotzki ist der Meinung, man solle die Rote Armee durch ein wegeloses Gebiet, das zu einem großen Teil von Kosaken bewohnt ist, schicken, die mit der Konterrevolution sympathisieren und auch schon militärisch für sie durchs Feuer gegangen sind.
Stalin schlägt einen ganz anderen Plan vor: Man müsse auf den Donbass marschieren, auf Charkow und Rostow und von dort aus den Hauptschlag gegen Denikin führen, weil dieses vorwiegend proletarische Hinterland weit besser geeignet sei, weil man hier kein feindliches, kosakisches Umfeld, weil man hier auch eine Eisenbahnlinie habe, weil man hier viel besser Denikins Armee in zwei Teile aufspalten könne usw.
Stalin stellt Lenin ein Ultimatum:
«Sonst wird meine Arbeit an der Südfront sinnlos, ein Verbrechen, unnötig, was mir das Recht gibt, mich verpflichtet, egal wohin zu gehen, und wäre es zum Teufel, um nur nicht an der Südfront zu bleiben. Ihr Stalin.»
Lenin stimmt diesem Plan zu und ordnet an, diesem Plan entsprechend vorzugehen.
Das Ergebnis beschreibt Woroschilow in seinen Erinnerungen so:
«Die Resultate sind bekannt. Im Bürgerkrieg wurde ein Umschwung erzielt. Die Denikin-Banden wurden ins Schwarze Meer geworfen, die Ukraine und der Nordkaukasus wurden von den Weißgardisten befreit.»
Eng mit dem Namen Stalin ist auch die Schaffung einer Reiterarmee an der Südfront verbunden, die auf seine Initiative hin gegründet wurde. Sie spielte eine entscheidende Rolle bei der Zerschlagung der gegnerischen Armeen in der Endphase des Bürgerkrieges. Auch hier wieder trifft er erneut auf den Widerstand von Trotzki, der immer noch Verteidigungskommissar der Sowjetrepublik ist.
Am 11. November (1919) informiert der Revolutionäre Kriegsrat der Südfront den Revolutionären Kriegsrat der Zentrale, in dem Trotzki noch sitzt und Stimme hat, über den Beschluss zur Bildung der neuen Reiterarmee:
«Der Revolutionäre Kriegsrat der Südfront hat in seiner Sitzung vom 11. November dieses Jahres, ausgehend von den Bedingungen der gegenwärtigen Lage, den Beschluss gefasst, eine Reiterarmee im Bestand des 1. und 2. Reiterkorps sowie einer Schützenbrigade (unter späterer Hinzufügung einer zweiten Brigade) zu bilden. Zusammensetzung des Revolutionären Kriegsrats der Reiterarmee: Kommandierender der Armee, Genosse Budjonny, Mitglieder: Genossen Woroschilow und Schtschadenko. Unterlage: Beschluss des Revolutionären Kriegsrats der Südfront vom 11. November 1919, Nr. 505/8. Ersuchen, Vorstehendes zu bestätigen.»
Trotzki votiert gegen den Beschluss, kann aber nicht mehr verhindern, dass die neue Reiterarmee entsteht.
Die rote Reiterarmee wird dann erfolgreich gegen die Truppen Denikins eingesetzt.
Dazu Budjonny:
«Bei den Kämpfen am Donbass fügte die Reiterarmee gemeinsam mit den ihr unterstellten Schützendivisionen dem Gegner große Verluste zu. Allein vom 25. bis 31. Dezember fielen ungefähr 3.000 Weißgardisten, 5.000 gerieten in Gefangenschaft.»
Stalin war also bereit und auch in der Lage, sich über jede Bestimmung, über jede Anordnung von oben hinwegzusetzen, wenn es die Lage erforderte, was er schon bei der Verteidigung Zarizyns und Petrograds unter Beweis gestellt hatte.
In seiner Stalin-Biografie hat Trotzki die Stirn zu behaupten, dass er selbst die Reiterarmee geschaffen habe:
«Und wirklich beanspruchte die Kampagne für die Schaffung der Roten Kavallerie den größten Teil meiner Tätigkeit während vieler Monate des Jahres 1919.»
Marschall Semjon Budjonny widerlegt in seinen Erinnerungen diese dreiste Behauptung Trotzkis mit folgenden Worten:
«Er (gemeint Jegorow – ein Militär) erklärte, die Reiterarmee werde nicht erstmalig, sondern auch gegen den Wunsch einiger führender Militärs geschaffen, vor allem gegen den Wunsch des Revolutionären Kriegsrates der Republik, Trotzki. Er und eine Reihe von Militärspezialisten vertraten die Meinung, die Aufstellung einer Reiterarmee sei ein ausgeklügeltes, mehr noch, ein in militärischer Hinsicht dilettantisches Unterfangen.»
Für seine Verdienste bei der Verteidigung der Revolution im Bürgerkrieg erhält Stalin am 27. November 1919 auf Lenins Initiative hin vom Allrussischen Sowjetkongress den Orden des Roten Banners.
Der weitere Verlauf des Bürgerkrieges bis zu seinem Ende
Das Jahr 1920 wird zu einem Jahr des Triumphes über die Interventen, ihre vielen Söldner und Militärberater sowie über die weißgardistischen Generäle und ihren konterrevolutionären Anhang.
Im Frühjahr ist Denikin endgültig besiegt. Fast einhunderttausend Mann geraten in Gefangenschaft. Englische und französische Schiffe bringen den traurigen Rest der Söldnertruppe auf die Krim. Am 28. April erreicht die Rote Armee Baku. Die mit Hilfe der Entente-Mächte gestürzte Sowjetmacht wird dort, aber auch in Aserbaidschan, wieder hergestellt. Die Handlanger der Entente, die Mussawatisten, fliehen.
Der Bürgerkrieg und die illegale, völkerrechtswidrige Intervention gegen die junge Sowjetrepublik gehen jedoch noch weiter. Dieses Mal ist die treibende Kraft Polen. Am 25. April beginnen die Weißpolen den Krieg gegen die Sowjetmacht. Ihr Ziel: die Schaffung eines Großpolen mit weißrussischen und westukrainischen Gebieten in den Grenzen Polens von 1772. Am 6. Mai besetzen sie Kiew. Zusammen mit den Polen kämpfen auch die Petljura-Leute, ukrainische Nationalisten und fanatische Gegner der Sowjetmacht, die gleichen, die 1918 die kaiserliche deutsche Armee in der Ukraine unterstützt hatten.
Die polnische Reaktion verbündet sich mit der neuen Südfront unter dem Befehl von Baron Wrangel, der neue Hoffnungsträger von Churchills Interventen.
Im August des Jahres sammelt sich die gesamte Reaktion im Süden unter dem Banner dieses neuen ‚Helden‘ der Ententemächte – Grund genug für das Zentralkomitee der bolschewistischen Partei, den folgenden Beschluss zu fassen:
«In Anbetracht der Erfolge von Wrangel und der Unruhe im Kuban ist die Wrangel-Front unbedingt als Front von völlig selbstständiger Bedeutung zu betrachten und als solche abzusondern. Genosse Stalin wird beauftragt, einen Revolutionären Kriegsrat zu bilden und seine Kräfte ganz auf die Wrangel-Front zu konzentrieren. Als Frontkommandeur – Jegorow oder Frunse – nach Einvernehmen des Hauptkommandos mit Stalin.»
Man beschließt also die Teilung der Fronten, damit sich Stalin ausschließlich mit der Wrangel-Front beschäftigen kann. Er erhält diesmal sogar sofort die Leute seiner Wahl. Er organisiert die Front, und wieder spielt die auf seine Intiative hin gebildete neue Reiterarmee unter Budjonnys Führung eine wichtige, ja sogar entscheidende Rolle.
Stalin schätzte die plötzliche Offensive Wrangels damals so ein:
«Es steht außer Frage, dass Wrangels Offensive damals von der Entente diktiert wurde, um die schwere Lage der Polen zu erleichtern.»
Diese ’schwere Lage der Polen‘ war das Ergebnis der Offensive der neuen Reiterarmee. An der Westfront stoßen die Truppen der Roten Armee nun sogar bis Warschau vor. Der von Trotzki eingesetzte Marschall Tuchatschewski, der im Sommer 1937 einen Hochverratsprozess erhalten sollte, hatte absichtlich oder unabsichtlich – das wissen wir nicht – dafür gesorgt, dass die Etappe weit hinter den vorrückenden Truppen der Roten Armee zurückgeblieben war. Um den Weißpolen zu helfen, übernahm der französische General Weygand vorläufig das Kommando über die polnische Armee. Der Gegenangriff der Polen zwingt nun die weit vorgerückte Rote Armee, die nicht in der Lage ist, die besetzten polnischen Gebiete ausreichend zu sichern, zum Rückzug. Zu einer gemeinsamen Front der Polen mit Wrangel kommt es jedoch nicht mehr.
Dafür kommt es zu einem Frieden mit Polen, der der Roten Armee ermöglicht, sich ganz auf die Wrangel-Front zu konzentrieren.
Es ist Michail Frunse, der später Trotzki als Verteidigungskommissar ablösen sollte, der den Oberbefehl übernimmt. Und es ist erneut Budjonnys Reiterarmee, die dem Gegner das Fürchten lehrt und die weißen Truppen in die Flucht schlägt. Wrangel muss sich mit dem Rest seiner Truppen auf die Krim zurückziehen, und wieder organisieren die Engländer und Franzosen die Evakuierung der geschlagenen und demoralisierten weißen Truppenreste. Am 15. November 1920 kann auch Sewastopol befreit werden.
Jetzt erleidet die Konterrevolution eine Niederlage nach der anderen: Im Frühjahr 1921 ist ganz Transkaukasien befreit. Es gibt jetzt dort drei Sowjetrepubliken: die aserbaidschanische, die armenische und die georgische. Tiflis, die Hauptstadt Georgiens, geht in die Hände der Aufständischen über. Im März wird Batum befreit, und auch die armenische Hauptstadt Jerewan wird erobert und erklärt sich zur Sowjetrepublik.
Im Osten gehen die Partisanen unter Führung von S. G. Laso zum Angriff über. Am 31. Januar dringen sie in Wladiwostok ein und zwingen die von den USA, England, Italien und Japan unterstützten weißgardistischen Truppen dazu, sich in die Mandschurei abzusetzen. Daraufhin ziehen die USA und ihre Verbündeten ihre Truppen zurück.
Es gelingt aber noch nicht, auch die japanischen Militaristen zu besiegen. Laso und seine Leute, darunter Luzki und Sibirzew, werden von ihnen gefangen genommen und in einem Lokomotivkessel bei lebendigen Leib verbrannt.
Im Oktober 1922 feiert die Sowjetrepublik den endgültigen Sieg über die japanischen Besatzer in Wladiwostok. Am 25. Dezember ist die Stadt vollständig von den Interventen, darunter auch die USA, England und Italien, befreit. So siegt auch im Fernen Osten die Sowjetmacht.
Damit war der fünfjährige Bürgerkrieg zu Ende. Die 14 Staaten, die sich auf die Seite der russischen Konterrevolution geschlagen hatten, erlitten eine vollständige Niederlage. Zu ihnen gehörten folgende Staaten: Deutschland, Großbritannien, Frankreich, die USA, Italien, Rumänien, Griechenland, die Türkei, Japan, die Tschechoslowakei, Polen, Estland, Lettland und Litauen. Die sozialistische Sowjetrepublik, im bürgerlichen und monarchischem Ausland verhasst wie kein anderes Land, hatte zeitweilig an sechs verschiedenen Fronten zu kämpfen und war in der Lage, dank einer prinzipienfesten und entschlossenen Führung und einer heldenhaft kämpfenden Roten Armee, trotz einer zahlenmäßigen Unterlegenheit und trotz des trotzkistischen Verrats in den eigenen Reihen, sich zu behaupten.
Wie war dieser grandiose Sieg möglich geworden?
Stalin analysiert die Ursachen der Niederlage der Konterrevolution schon zu einer Zeit, da der ‚Bürgerkrieg‘ noch gar nicht zu Ende ist:
«Welches sind die Ursachen der Niederlage der Konterrevolution, vor allem Denikins?
Die Unzuverlässigkeit des Hinterlandes der konterrevolutionären Truppen. Keine Armee der Welt kann ohne ein festes Hinterland siegen…. Das Hinterland der Sowjettruppen erstarkt, es nährt mit seinen Säften die rote Front, weil die Sowjetregierung eine Regierung der Befreiung des russischen Volkes ist, eine Regierung, die im höchsten Maße das Vertrauen der breiten Schichten der Bevölkerung genießt.»
Dies widerlegt einmal mehr die haltlosen Behauptungen bürgerlicher Historiker, dass die Oktoberrevolution nur ein ‚bolschewistischer Putsch‘ gewesen sei. Denn wäre sie nur dies gewesen, dann wäre die neue Sowjetmacht schon nach wenigen Tagen oder Wochen am Ende gewesen. Sie hätte sich unmöglich gegen die ausländische und inländische weiße Übermacht halten können. Dass sie dazu aber in der Lage war, beweist, dass es sich bei ihr nicht um einen bloßen Palastputsch gehandelt hat, sondern um eine echte soziale Revolution, die von breitesten Volksmassen mitgetragen, ja sogar energisch militärisch und auch in anderer Beziehung verteidigt wurde.
Verdient gemacht um die Verteidigung und Ausweitung der Revolution haben sich, außer Lenin natürlich, bei dem alle Fäden des Abwehrkampfes zusammenliefen, fähige Militärführer wie Stalin und seine engsten Kampfgenossen, darunter Kliment Woroschilow, Semjon Budjonny, Michail Frunse, Felix Dscherschinski oder Sergej Kirow, der später von der sowjetischen Konterrevolution ermordet werden sollte. Denn ohne klar denkende, mutige Militärführer und Organisatoren, die ihr Leben nicht schonen, die sich selbstlos in den Dienst der Revolution stellen, kann sich keine Revolution behaupten. Dazu waren auch bestimmte Charaktereigenschaften vonnöten, die Stalin im höchsten damals schon besaß oder die er sich damals aneignete.
Dazu schreibt Woroschilow in seinen Erinnerungen an diese Zeit:
«Was vor allem ins Auge springt, ist die Fähigkeit des Genossen Stalin, schnell die konkrete Lage zu erfassen und entsprechend zu handeln. Ein unerbittlicher Feind der Schlappheit, der Disziplinlosigkeit und des Partisanentums, zögerte Genosse Stalin dort, wo die Interessen der Revolution dies erforderten, niemals, die Verantwortung für äußerste Maßnahmen zu übernehmen, für radikale Änderungen. Dort, wo es die revolutionäre Lage erforderte, war Genosse Stalin bereit, ein beliebiges Reglement zu verletzen und sich einer beliebigen Insubordination schuldig zu machen.
Genosse Stalin war stets ein Anhänger der allerstrengsten militärischen Disziplin und Zentralisation, jedoch unter der entschiedenen Bedingung einer durchdachten und konsequenten Leitung seitens der höchsten Militärorgane.»
Um die großen Verdienste Stalins vergessen zu machen, bedienen sich heute so gut wie alle bürgerlichen Historiker des Anti-Stalin-Paradigmas, dem herrschenden Dogma auf diesem Gebiet der Geschichtsschreibung, das unbedingt von allen Historikern, die sich mit dieser Zeit beschäftigen einzuhalten ist, oder sie riskieren ihre akademische Karriere oder werden etikettiert oder einfach ignoriert. Sie haben fast ausnahmslos bei Trotzki abgeschrieben, ohne sich zu überlegen, welche Interessenlage hinter dieser Figur steht.
Trotzki schreibt in seiner Stalin-Biografie über Stalins Rolle im so genannten Bürgerkrieg von 1918 bis 1922:
«Während der ganzen Dauer des Bürgerkriegs blieb Stalin eine Figur dritter Ordnung, nicht nur in der Armee, sondern auch auf politischen Gebiet…. Er führte nur zweitrangige Befehle aus.»
Gegen die Vulgarisierung der Losung der Selbstkritik
Die Losung der Selbstkritik darf nicht als etwas Vorübergehendes und Schnellvergängliches betrachtet werden. Die Selbstkritik ist eine besondere Methode, eine bolschewistische Methode zur Erziehung der Parteikader sowie der Arbeiterklasse überhaupt im Geiste der revolutionären Entwicklung. Schon Marx sprach von der Selbstkritik als von einer Methode zur Stärkung der proletarischen Revolution. Was die Selbstkritik in unserer Partei betrifft, so geht der Beginn der Selbstkritik bis auf das Aufkommen des Bolschewismus in unserem Lande, bis auf die ersten Tage seines Entstehens als einer besonderen revolutionären Strömung in der Arbeiterbewegung zurück.
Bekanntlich hat Lenin bereits im Frühjahr 1904, als die Bolschewiki noch keine selbständige politische Partei bildeten, sondern gemeinsam mit den Menschewiki innerhalb EINER sozialdemokratischen Partei wirkten – bekanntlich hat Lenin damals schon die Partei zur „Selbstkritik und rücksichtslosen Enthüllung der eigenen Mängel“ aufgerufen. Folgendes schrieb Lenin damals in seiner Broschüre „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“:
„Sie (das heißt die Gegner der Marxisten. J. St.) feixen und sind schadenfroh über unsere Streitigkeiten; sie werden sich natürlich bemühen, einzelne Stellen aus meiner Broschüre, die den Mängeln und Unzulänglichkeiten unserer Partei gewidmet ist, für ihre Zwecke aus dem Zusammenhang zu reißen. Die russischen Sozialdemokraten haben bereits genügend im Kugelregen der Schlachten gestanden, um sich durch diese Nadelstiche nicht beirren zu lassen, um dessenungeachtet ihre Arbeit – SELBSTKRITIK UND RÜCKSICHTSLOSE ENTHÜLLUNG DER EIGENEN MÄNGEL – fortzusetzen, die durch das Wachstum der Arbeiterbewegung unbedingt und unvermeidlich ihre Überwindung finden werden. Die Herren Gegner aber mögen versuchen, uns ein Bild der WAHREN Sachlage in ihren `Parteien‘ zu zeigen, das auch nur im entferntesten an das Bild heranreicht, das die Protokolle unseres II. Parteitags wiedergeben!“ (Bd. VI, S. 161.)
Deshalb sind die Genossen ganz und gar im Unrecht, die da glauben, die Selbstkritik sei eine vorübergehende Erscheinung, eine Mode, von der man in kurzer Zeit ebenso abkommen wird, wie man gewöhnlich von jeder Mode abkommt. In Wirklichkeit ist die Selbstkritik eine nicht wegzudenkende und ständig wirkende Waffe in der Rüstkammer des Bolschewismus, ist sie mit der ganzen Natur des Bolschewismus, mit seinem revolutionären Geist untrennbar verbunden.
Manchmal wird behauptet, die Selbstkritik sei eine gute Sache für die Partei, die noch nicht zur Macht gelangt ist und die „nichts zu verlieren“ habe, die Selbstkritik sei jedoch gefährlich und schädlich für eine Partei, die bereits zur Macht gelangt ist, die von feindlichen Kräften umgeben ist und gegen die die Enthüllungen ihrer Schwächen von Feinden ausgenutzt werden können.
Das ist falsch. Das ist absolut falsch! Im Gegenteil, gerade weil der Bolschewismus zur Macht gelangt ist, gerade weil die Bolschewiki durch die Erfolge unseres Aufbaus überheblich werden könnten, gerade weil die Bolschewiki ihre Schwächen übersehen und dadurch die Sache ihrer Feinde erleichtern könnten – gerade darum ist die Selbstkritik besonders jetzt, besonders nach der Eroberung der Macht vonnöten.
Das Ziel der Selbstkritik ist die Aufdeckung und Ausmerzung unserer Fehler, unserer Schwächen – ist es etwa nicht klar, daß die Selbstkritik unter den Verhältnissen der Diktatur des Proletariats den Kampf des Bolschewismus gegen die Feinde der Arbeiterklasse nur erleichtern kann? Lenin zog diese Besonderheiten der Lage nach der Eroberung der Macht durch die Bolschewiki in Betracht, als er in seiner Schrift „Der `linke Radikalismus‘, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ im April / Mai 1920 schrieb:
„Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die TATSÄCHLICHE Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. EINEN FEHLER OFFEN ZUGEBEN, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer Pflichten, das heißt Erziehung und Schulung der KLASSE und dann auch der MASSE.“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 39 [deutsch in `Ausgewählte Werke‘ in zwei Bänden, Bd. II, S. 703])
Lenin hatte tausendmal recht, als er auf dem XI. Parteitag im März 1922 sagte:
„Das Proletariat fürchtet nicht zuzugeben, daß ihm in der Revolution dies und jenes großartig gelungen, dies und jenes aber mißlungen ist. Alle revolutionären Parteien, die bisher zugrunde gegangen sind, gingen daran zugrunde, daß sie ÜBERHEBLICH WURDEN und nicht zu sehen vermochten, worin ihre Kraft bestand, daß sie FÜRCHTETEN, VON IHREN SCHWÄCHEN ZU SPRECHEN. Wir aber werden nicht zugrunde gehen, weil wir nicht fürchten, von unseren Schwächen zu sprechen, und es lernen werden, die Schwächen zu überwinden.“ (4. Ausgabe, Bd. 33, S. 278, russ.)
Daraus ergibt sich nur EINE Schlußfolgerung: Ohne Selbstkritik – keine richtige Erziehung der Partei, der Klasse, der Massen – kein Bolschewismus.
Warum hat die Losung der Selbstkritik gerade jetzt, gerade im gegebenen historischen Augenblick, gerade im Jahre 1928 eine besonders aktuelle Bedeutung gewonnen?
Weil die Verschärfung der Klassenbeziehungen sowohl auf der inneren als auch auf der äußeren Linie jetzt krasser als vor ein oder zwei Jahren zutage getreten ist.
Weil die Wühlarbeit der Klassenfeinde der Sowjetmacht, die unsere Schwächen und unsere Fehler gegen die Arbeiterklasse unseres Landes ausnutzen, jetzt krasser als vor ein oder zwei Jahren in Erscheinung getreten ist.
Weil die Lehren der Schachty-Affäre und der „Getreidebeschaffungsmanöver“ der kapitalistischen Elemente des Dorfes plus unsere Fehler in der Planung an uns nicht spurlos vorübergehen können und nicht vorübergehen dürfen.
Wollen wir die Revolution festigen und uneren Feinden gewappnet entgegentreten, so müssen wir uns SCHNELLSTENS von unseren Fehlern und Schwächen BEFREIEN, die durch die Schachty-Affäre und die Schwierigkeiten bei der Getreidebeschaffung aufgedeckt worden sind.
Wollen wir nicht den Feinden der Arbeiterklasse zur Freude von allerhand „Überraschungen“ und „Zufälligkeiten“ überrumpelt werden, so müssen wir SCHNELLSTENS unsere NOCH NICHT AUFGEDECKTEN, jedoch zweifellos vorhandenen Schwächen und Fehler AUFDECKEN.
Hier zaudern hieße die Arbeit unserer Feinde erleichtern, unsere Schwächen und Fehler vertiefen. Es ist jedoch unmöglich, all dies zu schaffen, ohne die Selbstkritik zu entfalten, ohne die Selbstkritik zu verstärken, ohne die Millionenmassen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft zur Aufdeckung und Beseitigung unserer Schwächen und Fehler heranzuziehen.
Das Aprilplenum des ZK und der ZKK war deshalb vollkommen im Recht, als es in seiner Resolution zur Schachty-Affäre erklärte: „Die Hauptbedingung zur Gewährleistung einer erfolgreichen Durchführung aller vorgesehenen Maßnahmen muß die TATSÄCHLICHE VERWIRKLICHUNG der Losung des XV. Parteitags über die Selbstkritik sein.“
Um jedoch die Selbstkritik entfalten zu können, muß vor allem eine ganze Reihe von Hindernissen, die der Partei im Wege stehen, überwunden werden. Hierzu gehören die kulturelle Rückständigkeit der Massen, der Mangel an kulturellen Kräften der proletarischen Vorhut, unsere Trägheit, unsere „kommunistische Hoffart“ usw. Doch eins der ärgsten Hindernisse, wenn nicht das ärgste Hindernis überhaupt, ist der BÜROKRATISMUS unserer Apparate. Es handelt sich darum, daß innerhalb unserer Partei-, Staats-, Gewerkschafts-, Genossenschafts- und aller Art anderer Organisationen bürokratische Elemente vorhanden sind. Es handelt sich um die bürokratischen Elemente, die von unseren Schwächen und Fehlern leben, die die Kritik der Massen, die Kontrolle der Massen wie das Feuer fürchten und die uns hindern, die Selbstkritik zu entfalten, uns hindern, uns von unseren Schwächen, von unseren Fehlern zu befreien. Der Bürokratismus in unseren Organisationen ist nicht einfach als Amtsschimmel und Kanzleiwirtschaft zu betrachten. Der Bürokratismus ist eine Äußerung des bürgerlichen Einflusses auf unsere Organisation. Lenin hatte recht, als er sagte:
„… es ist notwendig, daß wir begreifen, daß der Kampf gegen den Bürokratismus ein ABSOLUT NOTWENDIGER Kampf und daß er ebenso kompliziert ist wie der Kampf gegen das kleinbürgerliche Element. Der Bürokratismus ist in unserer Staatsordnung so sehr zum wunden Punkt geworden, daß in unserem Parteiprogramm von ihm die Rede ist, und zwar deshalb, WEIL ER MIT DIESEM KLEINBÜRGERLICHEN ELEMENT UND SEINER ZERSPLITTERUNG IN ZUSAMMENHANG STEHT.“ (4. Ausgabe, Bd. 32, S. 167, russ.)
Mit um so größerer Beharrlichkeit muß der Kampf gegen den Bürokratismus unserer Organisation geführt werden, wenn wir die Selbstkritik wirklich entfalten und uns von den Gebrechen unseres Aufbaus befreien wollen.
Mit um so größerer Beharrlichkeit müssen wir die Millionenmassen der Arbeiter und Bauern zur Kritik VON UNTEN, zur Kontrolle VON UNTEN mobilisieren, die das wichtigste Gegengift gegen den Bürokratismus sind.
Lenin hatte recht, als er sagte: „Wenn wir den Kampf gegen den Bürokratismus führen wollen, so müssen wir die breiten Massen heranziehen, … denn kann man den Bürokratismus etwa auf andere Weise beseitigen als durch Heranziehung der Arbeiter und Bauern?“ (4. Ausgabe, Bd. 31, S. 398, russ.)
Um jedoch die Millionenmassen „heranzuziehen“, gilt es, in allen Massenorganisationen der Arbeiterklasse und vor allem in der Partei selbst die proletarische Demokratie zu entfalten. Ohne diese Bedingung ist die Selbstkritik eine Null, ein Nichts, eine Phrase.
Wir brauchen nicht JEDWEDE Selbstkritik. Wir brauchen eine Selbstkritik, die das Kulturniveau der Arbeiterklasse hebt, ihren Kampfgeist entwickelt, ihren Siegesglauben festigt, ihre Kräfte vermehrt und ihr hilft, der wirkliche Herr des Landes zu werden.
Die einen meinen, wenn einmal Selbstkritik vorhanden ist, dann brauche man keine ARBEITSDISZIPLIN, dann könne man die Arbeit im Stich lassen und sich mit Geschwätz über alle möglichen Dinge befassen. Das wäre keine Selbstkritik, sondern eine Verhöhnung der Arbeiterklasse. Selbstkritik ist notwendig, nicht um die Arbeitsdisziplin zu zerstören, sondern um sie zu FESTIGEN, um sie zu einer BEWUSSTEN Arbeitsdisziplin zu machen, die der kleinbürgerlichen Schlamperei zu widerstehen vermag.
Andere meinen, wenn einmal Selbstkritik vorhanden ist, dann sei keine FÜHRUNG mehr erforderlich, dann könne man das Steuer verlassen und alles „dem natürlichen Lauf der Dinge“ überlassen. Das wäre keine Selbstkritik, sondern eine Schmach. Selbstkritik ist notwendig, nicht um die Führung zu schwächen, sondern um sie ZU STÄRKEN, um sie aus einer papiernen und wenig autoritativen Führung in eine LEBENSVERBUNDENE und wirklich AUTORITATIVE Führung zu verwandeln.
Es gibt jedoch auch „Selbstkritik“ anderer Art, eine „Selbstkritik“, die zur ZERSTÖRUNG des Parteigeistes, zur DISKREDITIERUNG der Sowjetmacht, zur SCHWÄCHUNG unseres Aufbaus, zur ZERSETZUNG der Wirtschaftskader, zur ENTWAFFNUNG der Arbeiterklasse, zu einem Geschwätz über ENTARTUNG führt. Gerade zu einer solchen „Selbstkritik“ hat uns gestern die trotzkistische Opposition aufgerufen. Es erübrigt sich zu sagen, daß die Partei mit dieser „Selbstkritik“ nichts gemein hat. Es erübrigt sich zu sagen, daß die Partei mit allen Kräften, mit allen Mitteln gegen eine solche „Selbstkritik“ kämpfen wird.
Man muß streng unterscheiden zwischen dieser uns FREMDEN, zersetzenden, antibolschewistischen „Selbstkritik“ und UNSERER, der bolschewistischen Selbstkritik, deren Ziel es ist, den Parteigeist ZU PFLEGEN, die Sowjetmacht ZU FESTIGEN, unseren Aufbau ZU VERBESSERN, unsere Wirtschaftskader ZU STÄRKEN, die Arbeiterklasse ZU WAPPNEN.
Die Kampagne zur Verstärkung der Selbstkritik hat bei uns erst vor einigen Monaten begonnen. Uns fehlen noch die nötigen Unterlagen, um die erste Bilanz der Kampagne ziehen zu können. Doch schon jetzt kann man sagen, daß die Kampagne erfreuliche Ergebnisse zu zeitigen beginnt.
Es ist nicht zu leugnen, daß die Welle der Selbstkritik zu wachsen und sich zu verbreitern beginnt, daß sie immer breitere Schichten der Arbeiterklasse erfaßt und sie in den sozialistischen Aufbau einbezieht. Davon sprechen allein schon solche Tatsachen wie die Belebung der Produktionsberatungen und der zeitweiligen Kontrollkommissionen.
Zwar gibt es immer noch Versuche, begründete und überprüfte Hinweise der Produktionsberatungen und der zeitweiligen Kontrollkommissionen zu den Akten zu legen, wogegen der entschiedenste Kampf geführt werden muß, da solche Versuche das Ziel haben, den Arbeitern jede Lust zur Selbstkritik zu nehmen. Es besteht jedoch kaum ein Grund, daran zu zweifeln, daß künftig derartige bürokratische Versuche durch die anwachsende Welle der Selbstkritik restlos hinweggespült werden.
Man kann auch nicht abstreiten, daß unsere Wirtschaftskader im Ergebnis der Selbstkritik sich zusammennehmen, wachsamer werden, ernsthafter an die Fragen der Wirtschaftsführung heranzugehen beginnen und daß unsere Partei-, Sowjet-, Gewerkschafts- und alle möglichen anderen Kader hellhöriger werden, feinfühliger auf die Bedürfnisse der Massen reagieren.
Zwar darf man nicht annehmen, daß die innerparteiliche und überhaupt die Arbeiterdemokratie in den Massenorganisationen der Arbeiterklasse bereits voll verwirklicht ist. Es besteht jedoch kein Grund, daran zu zweifeln, daß diese Sache mit der weiteren Entfaltung der Kampagne vorangetrieben wird.
Man kann auch nicht abstreiten, daß unsere Presse im Ergebnis der Selbstkritik lebendiger und lebensverbundener geworden ist und daß solche Trupps unserer Zeitungsmitarbeiter wie die Organisationen der Arbeiter- und Bauernkorrespondenten sich bereits in eine ernste politische Kraft zu verwandeln beginnen.
Zwar gleitet unsere Presse immer noch hie und da an der Oberfläche, sie hat noch nicht gelernt, von einzelnen kritischen Bemerkungen zu einer tieferschürfenden Kritik überzugehen und von einer tiefschürfenden Kritik zur Verallgemeinerung der Ergebnisse der Kritik, zur Aufzeigung der ERRUNGENSCHAFTEN, die dank der Kritik in unserem Aufbau erzielt worden sind. Es ist jedoch kaum daran zu zweifeln, daß diese Arbeit im weiteren Verlauf der Kampagne vorangetrieben wird.
Es ist jedoch notwendig, neben den positiven die negativen Seiten unserer Kampagne hervorzuheben. Ich meine die Entstellungen der Losung der Selbstkritik, die jetzt schon, zu Beginn der Kampagne, zu verzeichnen sind und die, wenn nicht sofort dagegen angekämpft wird, die Gefahr einer Vulgarisierung der Selbstkritik heraufbeschwören.
1. Es ist vor allem notwendig, hervorzuheben, daß sich in einer Reihe von Presseorganen die Tendenz bemerkbar gemacht hat, die Kampagne von dem Boden einer sachlichen Kritik an den Mängeln unseres SOZIALISTISCHEN AUFBAUS auf den Boden eines Reklamegeschreis gegen Auswüchse IM PERSÖNLICHEN LEBEN überzuleiten. Das mag unglaublich erscheinen. Doch leider ist es Tatsache. Nehmen wir zum Beispiel die Zeitung „Wlastj Truda“ [Macht der Arbeit], das Organ des Bezirkskomitees und Bezirksexekutivkomitees von Irkutsk (Nr. 128). Man findet dort eine ganze Seite, die von Reklame“losungen“ strotzt wie: „Hemmungslosigkeit im Geschlechtsleben ist bürgerlich“, „Ein Schnäpschen zieht das andere nach“, „Das eigene Häuschen äugt nach der eigenen Kuh“, „Banditen des Doppelbetts“, „Ein Schuß, der nicht losging“ usw. usf. Es fragt sich, was kann dieses „kritische“, der „Birshowka“ würdige Geschrei mit der bolschewistischen Selbstkritik gemein haben, deren Ziel es ist, unseren SOZIALISTISCHEN AUFBAU zu verbessern? Es ist wohl möglich, daß der Verfasser dieser Reklamenotizen Kommunist ist. Es ist möglich, daß er von glühender Feindschaft gegen die „Klassenfeinde“ der Sowjetmacht erfüllt ist. Doch daß er hier vom richtigen Wege abirrt, die Losung der Selbstkritik vulgarisiert und die Sprache NICHT UNSERER KLASSE spricht, daran kann es keinen Zweifel geben.
2. Es ist ferner notwendig, hervorzuheben, daß selbst die Presseorgane, denen, allgemein gesprochen, die Fähigkeit, richtig zu kritisieren, nicht abgeht – daß selbst sie sich mitunter zu einer Kritik UM DER KRITIK WILLEN verleiten lassen, die Kritik in einen SPORT, in SENSATIONSMACHEREI verwandeln. Nehmen wir zum Beispiel die „Komsomolskaja Prawda“. Allbekannt sind die Verdienste der „Komsomolskaja Prawda“ um die Entfaltung der Selbstkritik. Doch nehmen wir die letzten Nummern dieser Zeitung und sehen wir uns die „Kritik“ an den Führern des Zentralrats der Gewerkschaften der Sowjetunion an, die aus einer ganzen Reihe unzulässiger Karikaturen über dieses Thema besteht. Es fragt sich, wer braucht eine derartige „Kritik“, und welche Ergebnisse kann sie zeitigen außer einer Kompromittierung der Losung der Selbstkritik? Wozu war eine derartige „Kritik“ nötig, wenn man natürlich die Interessen unseres sozialistischen Aufbaus im Auge hat und keine billige Sensation, darauf berechnet, dem Spießer etwas zum Kichern zu bieten? Natürlich erfordert die Selbstkritik den Einsatz aller Waffengattungen, darunter auch der „leichten Kavallerie“. Doch folgt etwa daraus, daß die leichte Kavallerie eine LEICHTSINNIGE Kavallerie sein soll?
3. Es ist schließlich notwendig, hervorzuheben, daß bei einer ganzen Reihe unserer Organisationen eine bestimmte Neigung besteht, die Selbstkritik IN EINE HETZE gegen unsere Wirtschaftler zu verwandeln, sie zur DISKREDITIERUNG der Wirtschaftler in den Augen der Arbeiterklasse auszunutzen. Es ist eine Tatsache, daß manche Organisationen in der Ukraine und in Zentralrußland eine direkte HETZE gegen unsere BESTEN Wirtschaftler begonnen haben, deren ganze Schuld darin besteht, daß sie nicht hundertprozentig gegen Fehler gefeit sind. Wie wären sonst die von den Organisationen gefaßten Beschlüsse über die Absetzung dieser Wirtschaftler zu verstehen, Beschlüsse ohne jede bindende Kraft, die jedoch offensichtlich darauf berechnet sind, die Wirtschaftler zu diskreditieren? Wie wäre es sonst zu verstehen, daß man die Wirtschaftler wohl kritisiert, aber ihnen nicht die Möglichkeit gibt, auf die Kritik zu antworten? Seit wann wird bei uns ein „Schemjaka-Gericht“ für Selbstkritik ausgegeben?
Natürlich können wir nicht fordern, daß die Kritik hundertprozentig richtig ist. Wenn die Kritik von unten kommt, dürfen wir sogar eine Kritik, die nur zu 5-10 Prozent richtig ist, nicht unbeachtet lassen. All dies ist richtig. Doch folgt etwa daraus, daß wir von den Wirtschaftlern fordern sollen, daß sie hundertprozentig gegen Fehler gefeit sind? Gibt es denn überhaupt Menschen, die hundertprozentig gegen Fehler gefeit sind? Ist es denn schwer, zu verstehen, daß zur Heranbildung von Wirtschaftskadern Jahre und nochmals Jahre erforderlich sind, daß wir mit den Wirtschaftlern äußerst behutsam und sorgsam umgehen müssen? Ist es denn schwer, zu verstehen, daß wir die Selbstkritik nicht zu einer Hetze gegen die Wirtschaftskader, sondern zu ihrer Verbesserung und Stärkung brauchen?
Kritisiert die Mängel unseres Aufbaus, aber vulgarisiert nicht die Losung der Selbstkritik und verwandelt sie nicht in ein Werkzeug für Reklameübungen über Themen wie „Banditen des Doppelbetts“, „Ein Schuß, der nicht losging“ und andere mehr.
Kritisiert die Mängel unseres Aufbaus, aber diskreditiert nicht die Losung der Selbstkritik und verwandelt sie nicht in eine Garküche zur Zubereitung billiger Sensationen.
Kritisiert die Mängel unseres Aufbaus, aber entstellt nicht die Losung der Selbstkritik und verwandelt sie nicht in ein Werkzeug der Hetze gegen unsere Wirtschaftler und andere Funktionäre.
Und die Hauptsache: Ersetzt die Massenkritik VON UNTEN nicht durch „kritisches“ Wortgeprassel VON OBEN, gebt den Massen der Arbeiterklasse die Möglichkeit, ihre Aktivität zu entfalten und zur Behebung unserer Mängel, zur Verbesserung unseres Aufbaus ihre schöpferische Initiative zu offenbaren.
Unterredung mit dem englischen Schriftsteller H.G. Wells
Nehmen Sie z.B. den Faschismus. Der Faschismus ist eine reaktionäre Kraft, die unter Anwendung von Gewalt die alte Welt zu erhalten sucht. Was wollen Sie mit den Faschisten machen? Mit ihnen diskutieren? Sie zu überzeugen versuchen? Aber damit erreichen Sie bei ihnen nicht das Geringste. Die Kommunisten verherrlichen keineswegs die Anwendung von Gewalt. Aber sie, die Kommunisten, sind nicht willens, sich überrumpeln zu lassen, sie können sich nicht darauf verlassen, daß die alte Welt freiwillig von der Bühne abtritt, sie sehen, daß das alte System sich gewaltsam verteidigt, und deshalb sagen die Kommunisten der Arbeiterklasse: Beantwortet Gewalt mit Gewalt, tut alles, was in Euren Kräften steht, um zu verhindern, daß die alte, sterbende Ordnung Euch zermalmt, laßt nicht zu, daß sie Fesseln um Eure Hände legt, um die Hände, mit denen Ihr das alte System niederreißen werdet! Sie sehen also, die Kommunisten betrachten die Ablösung eines Gesellschaftssystems durch ein anderes nicht einfach als einen spontanen und friedlichen Prozeß, sondern als einen komplizierten, langwierigen und gewaltsamen Prozess. Die Kommunisten können die Augen nicht vor den Tatsachen verschließen.
J.W. Stalin (Unterredung mit dem englischen Schriftsteller H.G. Wells, 23. Juli 1934 – Werke, Dortmund 1976, Bd.14, S.16.)